Am 01.03.12 in ganz Deutschland nicht tanken

In sozialen Netzwerken geht die Veranstaltung „Am 01.03.12 in ganz Deutschland nicht tanken“ um. Umstritten ist dabei bei den Nutzern der „Sinn“ von dem Ganzen. Alles nur Schall und Rauch, oder würden wir als Autonation Deutschland wirklich ein Signal setzen, wenn sich möglichst viele beteiligen? Mein Erörterungsversuch und hoffentlich eine Inspiration für euch Leser, euch eure eigene Meinung zu bilden.

Die Gegenpositionen

Diejenigen, die auf Absagen klicken, haben desöfteren die gleichen Gründe, abzusagen. Zunächst einmal gibt es natürlich diejenigen, die gar kein spritbetriebenes Fahrzeug halten. Dass die keinerlei Antrieb dazu haben, an der Aktion teilzunehmen, weil sie gar nicht mitwirken können, ist klar. Es amüsiert mich ein wenig, dass Teile dieser Leute sich irgendwie dazu verpflichtet sehen, sich zu rechtfertigen. Nicht selten sieht man Kommentare in der Veranstaltung, die darauf hinweisen, dass man selber kein Auto hat. Ob der Gruppenzwang vielleicht sogar dazu führt, dass sich jetzt auf einmal mehr Deutsche ein Auto kaufen, um schlicht und einfach nur protestieren zu können? Es gab schließlich schon lange nichts Richtiges mehr zu protestieren, die Gründe dafür wurden bisher mehr und mehr lächerlich. Jetzt gäbe es mal wieder die Gelegenheit, ordentlich auf den Putz zu hauen ;-), aber ich schweife ab.

Bei Facebook ist doch nur ein Bruchteil Deutschlands angemeldet

Ein sehr treffendes Argument vieler „Protestgegner“ ist die Tatsache, dass die Masse der Teilnehmenden nicht hoch genug sein könnte, um wirklich in den Medien, der Politik und bei der Wirtschaft anzukommen. Nun, zunächst einmal muss man überlegen, wie treffend diese Ungleichung überhaupt ist, sprich, ob das Argument überhaupt repräsentativ ist für die Aussage, die damit getroffen werden will: Wir werden in Facebook nie genügend Leute zusammenkriegen, als dass unser Protest irgendeine Wirkung haben könnte.

Rein von den Zahlen und Fakten her ist jeder 10. Deutsche in Facebook angemeldet [gruenderszene]. Natürlich hat nicht jeder dieser bei Facebook angemeldeten Deutschen ein Fahrzeug, aber man muss natürlich auch sehen, dass ein Großteil der Deutschen außerhalb von Facebook ebenfalls kein Fahrzeug haben. Obwohl wir hier in Deutschland uns „Autonation“ schimpfen, haben statistisch gesehen nur rund 45% der Deutschen einen Pkw [rp-online]. Das leuchtet ein, wenn man entsprechende Bevölkerungsgruppen, für die ein Führerschein nicht typisch ist (Kinder, Physisch eingeschränkte, Altersschwache), sowie die Berufsfahrzeuge abzieht.

Nun fragt sich, wie ist das Verhältnis von den 45 % an Fahrzeugführern in Deutschland weltweit zu den 10 % der bei Facebook angemeldeten Deutschen?

Ebenfalls aus meinem Link aus der gruenderszene ist jedenfalls ersichtlich, dass der Großteil der Facebook-Nutzer auf 18-24-Jährige fällt.

 Erstaunlich ist, dass in der Nutzergruppe der 18- bis 24-Jährigen Deutschen derzeit fast so viele Nutzer angemeldet sind wie vor einem Jahr noch in allen Alterssegmenten.

Fragt sich jetzt, ob das ein Indiz darauf sein könnte, dass die bei Facebook angemeldete Bevölkerungsgruppe zu einem guten Teil die Menge aller deutschen Fahrzeughalter abdeckt. Viele Jugendliche, die frisch in das Berufsleben eintreten, haben noch kein Fahrzeug aufgrund von den noch beschränkten finanziellen Mitteln, gerade bei Studenten. Andererseits sind es gerade diese jenen, welche der aktuelle Spritpreis besonders hart trifft, da die Verdienste eines Azubis noch nicht so hoch sind, die Wege zur Arbeit/Uni und somit die Spritkosten genau so hoch sind wie bei älteren Fahrzeughaltern. Für das Argument der Gegenpartei spricht jedenfalls, dass unter diesen 18-24 – Jährigen jedoch der Anteil an Fahrzeughaltern gesunken ist [bazonline.ch], wobei zu beachten ist, dass trotz der schweizerischen Domainendung die Statistik für Deutschland erhoben wurde.

[…] Der Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die ein Auto besitzen, hat sich im traditionell autofreundlichen Deutschland von 2001 bis 2007 von 31,6 Prozent auf 19,6 Prozent verringert. Während 2003 62 Prozent dieser Altersgruppe ein Personenwagen zur Verfügung stand, waren es 2008 nur noch 53 Prozent.

Trotzdem kann man die Argumente der Gegner teilweise wieder entkräften, denn diese Gleichungen zwischen Facebook-Nutzern und Autofahrern zielen ja darauf an, den politischen/wirtschaftlichen Sinn dieser Aktion anzuzweifeln. Eins ist jedenfalls sicher: In den Medien ist der Aufruf zum Tankstopp auf jeden Fall schon [bild.de]

Seit der Boykott-Aufruf online ist, explodiert die Zahl der Zusagen für die Aktion, die auf Facebook als öffentliche Veranstaltung angelegt ist. Auf der Seite bedankte sich der Initiator noch für „mehr als 40 000 in weniger als 24 Stunden“. Am Dienstagabend hatten schon 250 000 Facebook-Mitglieder ihre Teilnahme zugesichert. Stand am Mittwochmittag: mehr als 520 000!

Inwieweit dies wiederum etwas an der aktuellen Spritpreissituation ändern kann, darauf will ich gerne später zu sprechen kommen, gesichert ist für mich persönlich jedenfalls die Tatsache, dass der Aufruf bereits etwas bewirkt und Aufmersamkeit erregt. Für meinen Teil jedenfalls sind die Zweifel in dieser Hinsicht gelegt. Außerdem sollte man sich bei seiner Entscheidungsfindung nicht alleine auf Statistiken stützen, wir reden hier schließlich über etwas, worüber man rational nachdenken kann.

Hast du überhaupt gelernt Alta? Pipapo – Mathematik – immer Mathematik, überall Mathemathik! Ey Hey Oh!

Außerdem finde ich, sollte man nicht vergessen, dass dieser Aufruf nicht in Facebook bleibt. Wir haben gesehen, dass er bereits in den Medien ist und es ist davon auszugehen, dass der Aufruf von Facebook auf andere Social Media Plattformen wie Twitter, YiGG, Google+ und dergleichen rüberschwappt. Natürlich ist die Schnittmenge der Nutzer mehrerer Dienste der Großteil, aber es gibt auf den jeweiligen Plattformen immer einige Nutzer, welche ausschließlich diese nutzen und daher nur über diese Plattform dann dem Aufruf folgen können. Dass der Aufruf bereits im gesamten Web 2.0 seine Runde macht, ist bereits jetzt auszumachen, oft sind es „Trittbrettfahrer“, die den Aufruf bei Facebook gesehen und dann sofort selber einen Aufruf gestartet haben, aber das ist ok, „That’s how the Interwebs works!“

Ich denke also, mit der Aussage „das sind doch viel zu wenig Leute, das wird doch kein Schwein interessieren“ machen es sich die Gegner dann mit dem Denken doch viel zu einfach. Ich meine wir in Deutschland haben doch alle einen relativ hohen BILDungsstandard, da sollte mehr drin sein, wenn man seine Meinung sagen will.


„Bildung kommt von Bildschirm und nicht von Buch, sonst hieße es ja Buchung“

Von objektiv gestalteter Meinungsbildung kann da glaube ich nicht bei jedem die Rede sein, eher von der Absicht, seine politische Unlust und seine fehlende Alltagsenergie zu kaschieren, wobei ich mich auch hier erneut frage, woher denn überhaupt der Zwang kommt, zu meinen, sich rechtfertigen zu müssen – es wird schließlich niemand gezwungen, mitzumachen. Ein nett anzuschauender Effekt ist es trotzdem. Leute entschuldigen sich bei vollkommen fremden Leuten dafür, dass sie ihre Idee für ausgemachten Schwachsinn halten.

Wir müssen doch am nächsten Tag sowieso wieder tanken

Ein treffender Punkt ist, dass wir im Endeffekt keinen Umsatzverlust verursachen, weil wir als Autofahrer immer noch auf die Woche gesehen das gleiche Streckenpensum fahren und somit auf die gesamte Woche gesehen die selbe Menge Sprit tanken – ergo auch, zumindest in der Theorie, nichts bewirken.

Zunächst sollte einmal geklärt werden, ob es überhaupt das Ziel ist, einen Umsatzverlust „der Konzerne“ zu erzielen. Ich denke es geht dabei viel mehr „um die Message, Alta!“

Mit dem Protest zeigen wir Deutschen zunächst einmal, dass uns die Situation bereits derartig stört, dass wir eskalieren. Unser ständiges Gemecker über die Spritpreise hat bisher nichts verändert, das liegt darin, weil wir der „Ausbeutung der Ölkonzerne“ , wie einige es gerne sagen, bisher passiv gegenübergestanden sind. Jesus wäre stolz auf uns, es hat das Wort zum Aschermittwoch der Mineralölkonzern:

„Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt5,39)

Was zeigt diese „Eskalation“ unsererseits dann überhaupt, welcher Effekt wird dadurch eintreten? Ich persönlich bin der Ansicht, dass dies durchaus zu einem Umdenken führen kann, weil sich nun anbahnt, dass immer mehr Fahrzeughalter unzufrieden mit der aktuellen Situation sind. Einerseits könnte man darauf hinausspekulieren, dass aufgrund der sich zuspitzenden Unzufriedenheit der deutschen Fahrzeughalter potentielle Kunden verloren gehen könnten, weil nun immer mehr nicht mehr bereit sind, sich dieses Trauerspiel mit den Spritpreisen anzusehen, und auf alternative Kraftstoffe umsteigen. Natürlich verdienen die Energiekonzerene auch an diesen Energieformen ihr Geld, man müsste jetzt mal vergleichen, wie groß die jeweilige Gewinnspanne pro verkaufter „Kilometereinheit“ (verkaufte Menge an Energie, mit der man einen Kilometer weit fahren kann) ist und welcher Kraftstoff sich für den Energielieferanten daher eher lohnt. Ich wage aber die dreiste Aussage, dass es der Wirtschaft lieber wäre, wenn wir beim Verbrennungsmotor bleiben würden. Es muss ja nicht unbedingt so sein, dass wir dann tatsächlich alle auf alternative Kraftstoffe umsteigen, aber ich denke wenn der Eindruck darauf entsteht, wird ein Entgegenkommen wahrscheinlicher sein, als wenn wir weiter nur Mosern.

Des Weiteren glaube ich aber, dass die Konzerne darauf hin spekulieren, dass wir irgendwann nochmal einen Schritt weiter gehen. Bislang kann man ja behaupten, dass der Spritpreismarkt ein Oligopolmarkt ist. Klar, wir haben das Kartellamt und diese ganzen politischen Instrumente, das will ich gar nicht abstreiten, aber ist es denn nicht offensichtlich, dass aufgrund der Knappheit der Anbieter auf dem Spritsegment derzeit kein Konkurrenzkampf entsteht? Oder habt ihr schon einmal im Fernsehen eine „Shell ist geil“-Werbung gesehen? Fragt sich halt, ob der Konsument nicht genügend Macht hätte, unter Absprache und somit bei bewusster Beeinflussung des Marktes, dieses Gleichgewicht nicht zu stören. Was wäre, wenn sich Deutschland „dazu verabreden“ würde, wenigstens von einem er wenigen Energielieferanten keinen Sprit mehr zu beziehen, wäre es dann nicht so, dass dieser sich in einen Preiskampf gezwungen sehen würde, um die verlorene Kundschaft wiederzuholen? Und wenn man dieses Spielchen immer wieder in einem wechselnden Turnus wiederholen würde, käme es dann nicht irgendwann so weit, dass sich das Angebot an Sprit in einen Kriegsschauplatz verwandelt? Das sind jetzt alles nur Spekulationen meinerseits, es kann durchaus sein, dass ich bestimmte Faktoren außer Acht lasse, es muss ja schließlich einen Grund geben, warum bisher noch keiner auf diese Idee gekommen ist.

Auf jeden Fall denke ich aber, dass wir auf politischer Ebene etwas erreichen können. Es wird immer wieder vorgeworfen, die Politik stelle sich stumm, weil sie an den hohen Spritpreisen mit verdient. Klar ist aber auch, dass es immer mal wieder kleine Schleimer in der Politik gegeben hat, die sich einem Thema, das in der Bevölkerung zurzeit auf Brisanz stößt, gewidmet haben. Was wäre nun, wenn Änderungen in spritbezogenen Themen, wie die in der BILD angesprochene Pendlerpauschale, wieder zum politischen Thema werden? Es ist sicher vorstellbar, dass an der Meinung einer Fraktion zu diesem Thema viele Wählerstimmen hängen, das steht glaube ich außer Frage. Neben der Pendlerpauschale sind auch Reformen in der Besteuerung und andere Maßnahmen möglich. Was ist, wenn das Thema mal wieder einer auf den Tisch bringt? Wäre das nicht ein Grund, sich mal wieder richtig schön zu streiten in der deutschen Politik?

„[…]und das können wir ja wohl, in diesem Staat, darüber streiten. Sonst wären wir alle – Sie und ich – dazu verdammt, unterzugehen“ – Herbert Wehner

Ein Tempolimit bringt mehr

Der vorhergehende Gedankengang bringt mich gleich auf das nächste Argument der Gegenpartei. Wozu anfangen, die Gekränkten zu spielen? Ein Tempolimit würde mehr bringen. Das ist ein sehr heikles Thema finde ich, weil da viel mit drin hängt. Einerseits muss man abwägen, ob ein Tempolimit auf Autobahnen usw. nicht auch negative Auswirkungen hätte.

  • mehr Verkehr auf den Landstraßen und somit auch in den Wohngebieten und den bewälderten Strecken, somit mehr Lärm-, und Umweltbelastung an diesen Stellen
  • Mehr Staus. Das ist halt die Frage. Ein Tempolimit würde die Zahl der Unfälle und somit auch die Zahl der Staus sicherlich etwas eindämmen, andererseits zeigt die Erfahrung, dass Tempolimits zu Unachtsamkeit, Hektik und Gedrängel –  somit wieder zu Unfällen – führen.
  • Ein Tempolimit würde die Infrastruktur und somit die Wirtschaft schwächen. Das würde gleichzeitig die Anstrengungen der EU, unsere Autobahnen auszubauen und somit die Infrastruktur in der Europäischen Gemeinschaft zu stärken, wieder ad absurdum führen.

Unumstritten ist aber, allein aus den physikalischen Gesetzmäßigkeiten heraus, dass ein Tempolimit den Spritverbrauch der Deutschen tatsächlich senken würde, und zwar in einem enormen Maß. Deshalb ist das Argument natürlich nicht ganz wegzudenken.

Fazit

Ich für meinen Teil komme zu dem Schluss, dass ich einerseits an den Sinn und an den Effekt der Facebook-Veranstaltung glaube, und dass es für mich keinen rational ersichtlichen Grund gibt, nicht mitzumachen, weil ich nichts zu verlieren habe. Ob ihr die gleichen Schlüsse zieht wie ich, das muss jeder für sich selbst entscheiden und ich hoffe, ich konnte euch für eure eigene Entscheidungsfindung etwas inspirieren. In diesem Sinne

Freak out

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Über dafrk

IT Consultant in den Bereichen SAP, SAP HANA, Internet of Things, Digital Transformation und IT Security
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