Af an Schmatz‘ #1 – Nein Mann – ich will noch nicht gehen.

Treff ma uns a moi af an Schmatz‘ – wenn ich zum Schnacken aufrufe, dann tu ich dies in der Regel in Kolumnenform, also als Kommentar oder Glosse. Ich fasse dabei eine aktuelle Begebenheit zu einem beliebigen Thema des Blogs auf und gebe dazu meine Meinung ab. Viel Spaß.

 

Rhetorik ist natürlich eine Schwachstelle in der CSU. Es ist schwer eine solche Fähigkeit in einen Verein hineinzucoachen, bei denen es bisher nur zwei Hauptsätze gab: „Des war scho immer so“ und „des hod se no nia ned g’ändert“.

Mit diesem Sketch wirbt seit neuestem der Radiosender Bayern 3 für den Comedygipfel 2010. Wo meist der Spaß immer auf einer Seite bleibt, nämlich beim Lästernden, lachen anlässlich der kommenden Faschings- und Karnevalszeit Wähler und Gewählter wieder einmal gemeinsam, denn auf Gipfeln der Humorösität wie dem Nockherberg ist es ein paar Mal im Jahr erlaubt, über sich selbst zu lachen.

Die letzten Jahre gab es für die CSU allerdings nicht mehr  viel zu lachen. Stattdessen wird fleißig über die CSU gelacht. So tituliert die Welt bereits im Juli 2008 Landtagswahlen – CSU rutscht in Umfrage unter 50-Prozent-Marke“.

Der Focus berichtet im Jahr 2009, die CSU habe schon nach der Landtagswahl eine „externe schonungslose Analyse beauftragt und sich dabei attestieren lassen, von den Bürgern für ‚verfilzt‘ gehalten zu werden.“ Dabei sind verfilzte Haare doch ein Problem, dass noch die wenigsten einflussreichen CSU-Politiker genießen sollten. Verfilzt, das heißt im Sprachgebrauch des Dudens auch – „eine kaum lösbare Bindung eingehen“ – also, sich an etwas fest zu halten.

Festhalten, das kann die CSU wirklich gut – wie etwa altbewährte Wertvorstellungen, die einst die großen Pioniere der Partei ausgearbeitet hatten, aber auch alte Wähler, die die CSU „schon immer gewählt“ haben – ganz analog und vom gleichen Schlag zu den Politikern selbst, die ebenfalls die „des war scho immer so“-Philosophie lieber pflegen.

Das zu leugnen würden sich nicht mal die Wählerschaftsstatistiken der Partei trauen: Selbst sie wagen zu bezweifeln, dass die Partei mehr als 5,2% ihrer Anhänger aus den 18- bis 25-Jährigen bezieht. Die CSU scheint das bisher wenig zu stören, sind die Anstrengungen in der Jugendpolitik der Partei bisher doch relativ arm gesäht, und erneut gibt die Statistik ihnen Recht: Schließlich bekommen die jungen Deutschen immer weniger Kinder und die Bevölkerung neigt zu Überalterung. Lohnt sich denn dann überhaupt die Anstrengung auf diesem unrentablen Wählerschaftsmarkt? Das tut er, aber jedenfalls erst dann, wenn diese Wähler selbst die Alten sein sollten. Denn so, wie die derzeitigen CSU-Wähler ihrem Konsens folgen „die CSU schon immer“ gewählt zu haben, können künftige Ältere der Tradition zugeneigt sein, „die CSU noch nie“ oder anhand der verzweifelten Versuche der Parteien, bei den Jugendlichen Gehör zu erhalten, „noch nie überhaupt etwas“ gewählt zu haben. Das mag daran liegen, dass die CSU mit „älteren“ Themen vorlieb nimmt, welche die Fachkenntnisse ihrer alten Politikerschaft ansprechen und dabei den Horizont ihrer alten Wählerschaft nicht übersteigt. Fällt Ihnen eigentlich auch auf, dass das Wort „alt“ in Bezug auf die CSU ziemlich oft vorkommt? Wie lustig, man könnte schon von einer „Veraltlichung“ der CSU sprechen oder dem Parteisitz in München den entsprechenden Anstaltstitel geben.

Anlässlich des Wahlrückgangs sowohl beim Wahlanteil der CSU wie auch bei der Anzahl der Wählenden überhaupt fühlen sich einige Alteingesessene nun doch dazu veranlasst, etwas für ihren Wählernachwuchs zu tun. Doch bedarf es diesem plötzlichen Sinneswandel ein aktuelles Thema, man will ja nicht alte Zeitungsenten ausgraben oder Schnee von gestern. Und erneut hilft die Statistik der CSU zum Sinneswandel: Das Wochenblatt vermeldet im Oktober 2010, die CSU wolle die Sperrstunde bayernweit wieder verkürzen! Ein Thema, dass auch die Jungen etwas angeht und im letzten Landtagswahlkampf noch nicht durchgekaut wurde – Nun hat man endlich wieder die Aufmerksamkeit der jungen Leute. Seit geraumer Zeit erfreuen sich Bayerns Nachtschwärmer einer verlängerten Sperrstunde von zwischen fünf und sechs Uhr.Beginnend mit dieser neuen Ära der Zeitrechnung sei es „zu 25 Prozent mehr gewaltsamen Übergriffen von alkoholisierten Jugendlichen in den frühen Morgenstunden zwischen ein und fünf Uhr gekommen.“ Die CSU verlangt daraufhin eine Rückverlegung der Sperrstundenzeit – Back to the Roots also, oder wie die CSU sagen würde: Zurück zum Alten!

Manch einer mag diese Entwicklung der Gewaltstatistik vorausgesehen haben, und argumentieren, vor der verlängerten Sperrstunde sei zu diesen Zeiten schließlich niemand mehr dagewesen, den man hätte verhauen können. Klar, dass jetzt, wo sich zu diesen Zeiten wieder jemand außer Haus befindet, die Gewaltübergriffe zu diesen Zeitpunkten steigen. Das wäre, als würde man am Neujahrstag feststellen: Die Anzahl alkoholisierter Jugendlicher habe sich zu Beginn diesen Jahres im Vergleich zum Letztjahresdurchschnitt deutlich erhöht. Trotzdem wäre die Aussage der Statistik natürlich richtig, ist ihr Ergebnis doch mit der Festsetzung des kurzen Bemessungszeitraums entsprechend hingelenkt worden. Doch manch einer fragt sich: was sagt denn die Statistik über die Gesamtzahl der täglichen Übergriffe? Wie hat die CSU als vorherrschende Kraft in Landtag, Bezirkstag und Kreistag denn landesweit überhaupt im Vorfeld auf diese Entwicklung reagiert, indem sie die Ihnen nach dem Prinzip der vertikalen Gewaltenteilung auferlegten Koordinierung der Polizeiarbeit überarbeitet hat? Und wie sieht es aus mit dem Grundprinzip der pluralistischen Gesellschaft: In wie weit hat sich die CSU denn überhaupt Mühe gegeben, eine objektive, differenzierte Meinungsbildung über den Sachverhalt herzustellen? Wurden neben den statistischen Entwürfen über Gewaltübergriffe und Bürgerbeschwerden denn auch Wirtschafts- und Jugendverbände angehört? Welcher Angehöriger eines solchen Verbandes kann denn nun behaupten, seine Interessen von der CSU-Fraktion bei ihren Anstrengungen berücksichtigt zu wissen? Er möge sich bitte im Kommentar dazu melden.

Nun, manch einer mag aber auch verstehen, dass diese Fragen unbeantwortet bleiben, genau so übrigens die Fragen, wie sich diese Anstrengungen seitens der CSU auf die Sozialisierung, die Geburtenrate, den Tourismus in den betroffenen Regionen, die Kultivierung der Jugend und die regionale Wirtschaftsentwicklung auswirken könnten. Denn die CSU hatte, verständlicherweise, in dieser Zeit genügend Anderes zu tun, wie etwa das Verfassen von eiligen Fraktionsanträgen, die in den Stadt- und Gemeinderäten eingereicht worden sind. Solch Eifer darf den Wähler aber nicht verwundern, zeigte sich die CSU doch auch bei anderen Themen der Jugend derartig tatenfreudig, so etwa bei „Killerspielen“. Noch heute säuselt der Wind der Internetforen die Hasstiraden von Günther Beckstein, nur nicht mehr im Politik-,  sondern im Witzebereich.

CSU, bleib uns noch lange erhalten und vor Allem bleib so, wie du bist. Wir hätten sonst einen guten Freund verloren. Und unseren Sinn für Humor.

Quellen:

http://www.focus.de/politik/deutschland/wahlen-2009/bundestagswahl/die-csu-hat-schon-nach-der-landtagswahl-eine-csu-kommentar_2126144.html

http://www.duden.de/definition/verfilzen

http://www.welt.de/politik/article2264911/CSU-rutscht-in-Umfrage-unter-50-Prozent-Marke.html

http://www.bpb.de/themen/0K4XX2,0,Die_CSU_%96_W%E4hlerschaft_und_Mitglieder.html

http://www.wochenblatt.de/nachrichten/deggendorf/regionales/Bayern-will-Sperrstunde-wieder-einfuehren;art1147,17812

http://www.aschaffenburg.de/upl_antraege/2010_11_19_CSU_Wiedereinfuehrung_Sperrzeit_Gaststaetten.pdf

http://stadtleben.de/aschaffenburg/news/2011/01/25/nein-mann-ich-will-noch-nicht-gehn/

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